RÜTTENSCHEID - Gute Zeit.

Die RÜ - Vom Feldweg zur Flaniermeile

Die Rüttenscheider Straße um 1900 in Höhe der Emmastraße, die links abzweigt.

An kaum einer anderen Stelle des Stadtteils lässt sich dessen rasante Entwicklung besser nachvollziehen als hier. Über Jahrhunderte hatte der Fernweg, der die Fluren der Vöcklinghauser Höfe und der Rüttenscheider Höfe voneinander schied und zugleich eine Wasserscheide bildete, den Fuhrmannskarren genügt. Nach starkem Regen und wintertags mag er sicher oft kaum passierbar gewesen sein. Und einsam war der Weg zudem.

Das änderte sich etwa um 1870, als die ersten nach Essen strömenden Menschen, die dort zwar Arbeit, aber keine Wohnung fanden, nach Süden hin auswichen. Da war viel Platz und gute Luft dazu, wie es immer wieder heißt. Ihnen folgten bald solche, die sie mit Waren versorgen und mit Dienstleistung umsorgen mussten, die Bäcker und Metzger, Gemischtwarenhändler und Handwerker. Und nicht zu vergessen die Gastwirte. Unter ihnen war auch mancher Rüttenscheider Bauernsohn, der seine frühere Tätigkeit aufgegeben hatte. Strukturwandel anno 1870!

Die ersten Häuser waren meist noch bescheiden gebaut und eng war die Straße auch, von der bald rechts und links neue Gemeindewege abzweigten. Namen hatten die Wege zunächst nicht. Immerhin wurden sie damals schon mit Bäumen bepflanzt. Die noch überschaubaren Häuser waren durchnummeriert. 1895 aber wollte man den vielen neuen Wegen Namen zu geben. Und Ordnung sollte her. Der Gemeindebeschluss sah vor, dass „die Straßen rechts von der Chaussee“ – gemeint ist die heutige Rüttenscheider Straße - „männliche, links der Chaussee weibliche Vornamen nach dem Alphabet geordnet“ erhielten. Das war von Anfang an nicht unumstritten. Auch mussten nach der Eingemeindung einige Straßen umbenannt werden, weil sie im neuen Großstadtraum nun doppelt auftauchten. Dennoch blieb das System im Prinzip erhalten. Darum weiß ein pfiffiger Mitbürger gleich, dass er etwa die Rosastraße links der Rü (von der Innenstadt kommend) und eine Martinstraße rechts davon finden wird. Das Mädchenviertel steht dabei für ein ganz besonderes städtisches Wohnviertel mit Charme.

Die Rüttenscheider Straße hieß anfangs Kettwiger Chaussee und war nur mäßig befestigt. Im Zusammenhang mit dem Bau der Straßenbahnlinie, die seit 1894 Rüttenscheid mit Essen verband1) und zu den ersten elektrischen Linien im Ruhrrevier zählte, erhielt sie ein solides Pflaster und zugleich einen neuen Namen: Essener Straße. Schmal muss sie aber immer noch gewesen sein, was sich aus der Geschichte der Wirtschaft Strünck ablesen lässt. Die Gaststätte hieß „Rüttenscheider Stern“ und war um die Jahrhundertwende ein beliebtes von hohen Ulmen umstandenes Ausflugslokal, an dem die Postkutsche mal Station machte. Doch aus der Chaussee sollte eine Straße werden, breiter, großstädtischer. So musste die noch gar nicht so alte Gaststätte 1908 weichen. Zurückversetzt entstand hier ein großer Gebäudekomplex nach Plänen des namhaften Architekten Oskar Schwer. Ein bürgerliches modernes Restaurant mit Billardsaal, Clubzimmer und vornehmem Café wartete jetzt auf Gäste. „Damit wird der Gegend ein vollständig neuer Charakter verliehen, und es wird nicht leicht eine Stelle in Groß Essen zu finden sein, durch welche die rapide Entwicklung der Großstadt so überzeugend und eindrucksvoll sich dem Auge offenbart, als am Rüttenscheider Stern“, waren die stolzen Einweihungsworte des Bauherrn Götte. Der Name des Gebäudes setzte sich später als Benennung des dortigen Verkehrsknotenpunktes durch, der älteren Rüttenscheidern noch als Klaraplatz vertraut ist.

Im Jahre 1920 wurde der Komplex umgebaut und erweitert zum Verwaltungsgebäude der Gelsenkirchener Bergwerks AG. Von den bald zahlreichen stattlichen Bauten jener Jahre gehört er zu wenigen, die das Bombeninferno leidlich überstanden und steht aus gutem Grund unter Denkmalschutz. Es wurde allerdings modernisiert, nennt sich heute Rü-Karree und beherbergt – charkateristisch für den Stadtteil – Dienstleistungs-, Gesundheits und Einzelhandelsunternehmen.

Der Rüttenscheider Stern war nur eine von äußerst zahlreichen Gaststätten und Cafés – oft mit großen Sälen –, die Rüttenscheids Straßen um 1900 prägten. Ansichtskarten aus dieser Zeit belegen es. Daneben waren auch Handels- und Handwerksbetriebe in nahezu jeder Straße zu finden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte die Rüttenscheider Straße noch lange die Wunden der Kriegszerstörung. Vieles wurde in schlichterer Form wieder aufgebaut. In den Nebenstraßen blieben indessen noch etliche attraktive Jugendstilhäuser erhalten und prägen deren Charakter.

Eine ganz erhebliche Veränderung der Rüttenscheider Straße brachte die Verlegung der Straßenbahn unter die Erde. Diese Baumaßnahme – lange während und mit vielen Belastungen für die Rüttenscheider und die Besucher verbunden – kam hier erst 1986 zum Abschluss. Mit ihr war auch die fußgängerfreundlichere Neugestaltung der Rü verbunden worden. Sie gehört heute ganz den Anwohnern wie den Kauflustigen von außerhalb, für die Parkplätze zwischen den 180 Japanischen Kirschen angelegt wurden. Überhaupt diese Kirschen! Sie sind inzwischen zum Markenzeichen der Rü geworden und verleihen ihr während der – leider recht kurzen – Blütezeit von März bis April einen ganz besonderen Zauber. Nur wenigen dürfte bekannt sein, dass sie das Geschenk des in den Stadtteil verliebten Japaners Tadaschi Nakamura sind, der viele Jahre hier lebte und 2009 in Tokio 88jährig gestorben ist.

Ein anderes Rüttenscheid ist dann noch abends zu erleben, wenn Jung und Alt in die zahlreichen Bars, Cafes und Kneipen strömen. Dann bekommt Rüttenscheid sogar ein wenig „Altstadt“-Flair.


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