RÜTTENSCHEID - Gute Zeit.

Fahrradstrasse

Die Rü als Fahrradstraße

Kurz: Die Stadt will die Rü fahrradfreundlicher machen, was als Ziel allgemeine Zustimmung findet. Sieben von acht Maßnahmen wurden konstruktiv diskutiert und werden auch vom Einzelhandel als Förderung des Radverkehrs begrüßt, obwohl sie zu weiteren Belastungen des Einzelhandels führen. Keine Zustimmung finden Einschränkungen der Erreichbarkeit, wie die geplanten Modalsperren, weil sie bei geringem Nutzen zu große Nachteile für Anwohner, Verkehr, Einzelhandel und Dienstleister hätte und den Standort erheblich gefährden würden. 
  

Die Förderung des Fahrradfahrens gehört zu den allseits anerkannten Maßnahmen um den Autoverkehr zu vermindern, wenngleich die Zahlen zeigen, dass dies nur sehr geringen Einfluss auf die rund 30 Mio. km, die täglich in Essen gefahren werden, haben kann. (...)

Im Rahmen des lead city Projektes des Bundes werden auch hierzu Maßnahmen gefördert, die in diesem Jahr 2020 umgesetzt werden müssen. 500.000 € fließen in drei Fahrradachsen, die das Radwegenetz weiter vervollständigen sollen. Weitere Mittel hierzu kommen aus dem Topf, des Amtes für Straße und Verkehr, der eigentlich zur Reparatur der ramponierten Straßen gedacht ist. Die drei Fahradachsen sind Bestandteil des Kompromisses mit der Umwelthilfe, wobei aber keine Festlegungen zur Ausgestaltung gemacht wurden.

Neben der Achse A, die entlang der Witteringstraße, über die Gemarkenstraße bis nach Frohnhausen führt und deren Umbau nach Verhandlungen noch 56 Parkplätze kosten wird, führt die Achse B entlang der Rüttenscheider Straße. Ein Planungsbüro bekam die Aufgabe zu untersuchen welche Möglichkeiten einer Verbesserung der Verhältnisse es gibt. Im Januar 2020 wurden die Vorschläge des Planers und der Verwaltung einerseits der Politik und andererseits den drei Fahrradverbänden und den Betroffenenvertretern vorgestellt. Im März soll der Bau- und Verkehrsausschuss darüber entscheiden.

Bei einem Treffen der IGR mit den Einzelhändlern wurde deutlich, dass alle eine Förderung des Radverkehrs begrüßen und daher sieben der acht vorgeschlagenen Maßnahmen - teil mit Bedenken - zustimmen. Lediglich eine erhebliche Einschränkung der Erreichbarkeit durch Modalsperrung wird abgelehnt, weil es dem Handel existenziell schaden würde.

Die Maßnahmen im Einzelnen:

1. Einrichtung einer Fahrradstraße
mit allen Vorrechten die für Radfahrer damit verbunden sind. Fahrräder sind hier die vorherrschenden Nutzer. Andere Fahrzeuge werden nur ausnahmsweise mit Zusatzschild zugelassen. Die Höchstgeschwindigkeit ist für alle Verkehrsteilnehmer 30Km/h, Radfahrer dürfen die ganze Fahrbahn nutzen und nebeneinander fahren.
Weil eine Doppelprivilegierung nicht zulässig ist, fiele der Fahrradsrtreifen auf dem Bürgersteig weg, was die Sicherheit der Fußgänger erhöhen würde. 

2. Trennlinien am Rand
um die Radfahrer auf die Fahrbahnmitte zu lenken, womit sie den Verkehr dominieren.

3. Massive Piktogramme,
um Autofahrer auf das Vorrecht der Radfahrer hinzuweisen.

4. ARAS (Aufgeweitete Radaufstellbereiche) an allen Ampeln.
Hier können die KFZ auf einer eigenen Spur von Radfahrern überholt werden und die Fahrräder können sich vor den KFZ aufstellen.
Sie werden vermutlich über 20 Parkplätze kosten. Die Grünen sind bereit ggf. auch Bäume dafür zu fällen.

5. Vorfahrt für die Fahrradstraße Rü,
obwohl das nicht zwingend eine Eigenschaft einer Fahrradstraße und auch sehr umstritten ist.

6. Weitere Ladezonen
Im Gegensatz zu den bisherigen sollen sie auf der Rü platziert werden und damit bewirtschaftete Kundenparkplätze kosten. Genauer wurden sie nicht spezifiziert. Ein Ladezonenkonzept der IGR liegt vor.
Es besteht Einigkeit, dass die bestehenden Ladezonen schon weitgehend ausreichen würden, wenn durch Kontrollen Fehlbelegungen vermieden würden. Das wird auch in Zukunft so sein.

7. Aufstellung weiter Fahrradabstellanlagen,
wobei die Fahrradverbände hierzu eine größere Zahl von Parkplatzflächen umwandeln wollen. 
Diese wurden aus der Diskussion und Entscheidung herausgetrennt, so dass Verwaltung das ohne Einschaltung des Ausschusses umsetzen könnte.
Die IGR plädiert für eine Einbeziehung des Nutzungsgrades bestehenden Abstelleinrichtungen in die Verkehrszählungen und für eine daraus abgeleitete bedarfsgerechte Aufstellung, die unnötige Parkplatzverluste vermeidet. Die geplanten Fahrradhäuser (...) u.a. sind zu berücksichtigen.

8. Befreiung des Bürgersteigs vom Fahrradstreifen
was wesentlich zur Verbesserung der Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer dienen wird (s.o.). 

9. Modalsperren, die am Rüttenscheider Stern eine Durchfahrt nach Süden und an der Martinstraße eine Durchfahrt nach Norden verhindern. Ausnahmen sind Fahrräder und der ÖPNV.
Damit soll der Autoverkehr vermindert werden.
Hier gelten weiterhin die vielfach vorgetragenen Gegenargumente (www.ruettenscheid.de/einbahnstrasse), dass die Erreichbarkeit der Geschäfte verschlechtert wird und zusätzlicher Verkehr in untauglichen Umgehungsstraßen erzeugt wird. 
 

Weil der letzte Punkt der wesentlich Strittige ist, soll auf die Argumente hinsichtlich Modalsperre hier ausführlich eingegangen werden: 

  • Die vorgeschlagenen Modalsperren sind zwar ein etwas geringerer Eingriff als eine Einbahnstraßen, aber sie lenken nicht nur, wie gewünscht, den Durchgangsverkehr von um die 10% ab, sondern auch den gewünschten Kundenverkehr.
     
  • Schon das Abbiegen von der Rü wird zu Rückstaus auf der Rü führen, da schon jetzt die Querstraßen und Kreuzungen stark belastet sind. Der Abfluss auf die Alfredstraße ist schwierig. Das behindert auch die Radfahrer.
     
  • Der umgeleitete Verkehr wird auf die überlastete Alfredstraße/B224 oder ins Mädchenviertel umgeleitet, einem reinen Wohnviertel, das dafür auch nicht geeignet ist und zusätzliche Belastungen erfährt. So werden Anlieger auf der Rü und in den Nebenstraßen belastet.
     
  • Es werden zusätzliche Verkehre und erhebliche Umwege erzeugt. Das gilt auch für den Lieferverkehr. Komplizierte Anfahrten und eine Behinderung des Parksuchverkehrs schrecken Kunden weiter ab.
      
  • Während man sich mit den gleichen Umweltargumenten bemüht den Verkehr auf der Alfredstraße zu optimieren, leitet man hier zusätzlichen Verkehr ein, der hier vor allem dadurch schädlich wirkt, dass er viele Abbiegevorgänge erzeugt, für die es keine Spuren und keinen schnellen Abfluss gibt, schon weil jede Querstraße Fußgängerüberwege an den Ecken hat oder zu Messe- und Stoßzeiten voll sein kann. So werden weitere Stockungen und Staus auf einer Bundesstraße erzeugt, deren Grenzwerte heikel sind. 
     
  • Natürlich ist jedes Geschäft weiterhin erreichbar, aber viel umständlicher. Alle Kunden sollen über die Alfredstraße anfahren. Damit werden die Randbereiche im Norden und Süden der Rü entlastet, die aber gar nicht belastet sind!?
     
  • Bei der Frage, wieviel der so ersparte Durchgangsverkehr ausmacht, wird widersprüchlich und irreführend argumentiert, so dass dies hier erklärt werden muss:
    Durchgangsverkehr ist schwer zu messen. In diesem Fall wurden an Anfang und Ende einer Strecke die Fahrzeuge registriert, die innerhalb von 5 Minuten ein- und wieder ausgefahren sind. Je kürzer man die Strecke macht, um so größer wird der Anteil. Bei einer Messstrecke von einer Häuserblocklänge beträgt er 100%. Zwischen Wittekind- und Klarastraße wurden ca. 15% gemessen.
    Der Durchgangsverkehr, der bei der Modalsperre gemeint ist und die Rü als Alternative zur Alfredstraße befährt, fährt weiter, hat also einen geringeren Anteil als 15%.
    Unzulässig ist es nun, einerseits den Durchgangsverkehr zu diskutieren und dann bei der Bemessung die Zählung eines nur ganz kurzen Stückes heranzuziehen, die im übrigen in den vorgestellten Ergebnissen auch nicht angegeben ist. So kann man mit der Kürzung der Zählstrecke beliebig hohe Anteile "belegen". Hinzu kommt, dass bei kurzen Zählstrecken immer mehr andere Verkehre, wie Parksuchverkehr, mitgezählt wird.
    Daher bleiben wir dabei, dass der Durchgangsverkehr um die 10% ausmacht. Angesichts vieler Ampeln, Zebrastreifen, Ladeverkehr, querenden Fußgängern, haltenden Taxen, Bushaltestellen u.s.w. ist die Rü auch wirklich keine Alternative.
     
  • Durch die Fahrradstraße und die o.g. Maßnahmen wird sie endgültig keine Alternative sein, denn die Fahrradfahrer bestimmen dann das Tempo.
     
  • Die allermeisten Behinderungen der freien Fahrt von Fahrradfahrern entstehen nicht durch Autos, sondern durch unvermeidbare Effekte, denen Autos wie Fahrräder gleichermaßen ausgesetzt sind, wie Ampeln, Zebrastreifen, Fußgänger, Ladeverkehr, Einparkvorgänge, Bushaltestellen u.v.a.m.. Ihnen würden die Radfahrer auch ohne die Autos unterliegen.
     
  • Die Rü ist eine lebendige Einkaufsstraße, für die das Nebeneinander aller charakteristisch ist. Sie wird auch von vielen Fahrradfahrern genutzt.
    Dies allerdings nur im Sommer und bei gutem Wetter, was Verwaltung und Fahrradverbände auch für die Zukunft so sehen. 
     
  • Alle Umfragen zeigen, dass ein Großteil der Kunden mit dem Auto kommt. Bei den hochwertigen Geschäften - die in Essen zum Großteil nur noch hier einen geeigneten Standort sehen - ist es nahe 100%. Das funktioniert seit Jahrzehnten und macht den Charakter des Viertels aus. 
    Allein die bewirtschafteten Parkplätze auf der Rü setzen rund 4000 Kunden pro Tag um. Zusammen mit den Parkplätzen in den Nebenstraße ist es ein Vielfaches.
     
  • Die Tatsache, dass Rüttenscheid überregional praktisch der einzige Einzelhandelsstandort ist, der (noch) nicht in der Krise ist, heißt nicht, dass er nicht höchst gefährdet ist, denn Onlinehandel, extrem steigende Mieten, abnehmende Kaufkraft u.v.a.m. wirken sich auch hier aus. Im Gegensatz zu anderen Standorten haben die Kunden viele Alternativmöglichkeiten und sind schnell in Einkaufszentren mit vielen, meist kostenlosen Parkplätzen. Hier greift Politik nicht mit Preissteigerungen oder Modalsperren ein, um einen fairen Wettbewerb herzustellen, sondern baut noch teure Zufahrten. Gleichzeitig wird die Bedeutung der Nahversorgung, der Wirtschaft, des Mittelstands und der Stadtteile betont.
     
  • Schon jetzt sind die Maßnahmen der sog. Mobilitätswende eine erhebliche Belastung, z.B. durch ungleichmäßig verteilte Ladesäulen auf bewirtschafteten Kundenparkplätzen (mit erheblichen Verkehrsbehinderungen durch ständiges Abschleppen), demnächst womöglich Carsharingplätze, gestiegene Parkgebühren u.v.a.m.
     
  • Jede zusätzliche Einschränkung der Erreichbarkeit stellt eine erhebliche Schädigung des Gewerbes und eine Gefährdung des Standortes dar. Ein Ausprobieren ist da kein Unterschied, weil einmal verlorene Kunden und ein einmal verlorenes Image nicht wiederzugewinnen ist, wie viele Beispiele, auch in Essen, zeigen.
     

Eine Abwägung zeigt somit, dass der gewünschte Effekt der Modalsperren sehr gering, der Nutzen für die Fahrräder noch geringer und der dem gegenüberstehende Schaden erheblich ist, so dass sie unverhältnismäßig erscheinen. Das ist der Grund für die Ablehnung.

Die Fahrradverbände stellen ohne Widerspruch durch die Behörde fest, dass sie eine völlige Sperrung der Rü wollen und die Modalsperre nur einen Zwischenschritt darstellt. Da der Schaden einer Sperrung - die auch schon zweimal erlitten wurde - für die Rü dann noch viel größer wäre, stellt sich die Frage der Abwägung noch drastischer: Will man einen bewiesen guten Einzelhandels- und Dienstleistungsstandort gegen die Erfahrung der Betroffenen und des Handelsverbandes riskieren für rein hypothetische Vorteile für nur eine von vier Verkehrsgruppen, und auch nur im Sommer bei gutem Wetter zum tragen kommen?
 

Gesamtabwägung

Die Förderung des Radverkehrs gehört zu Rüttenscheid und ist auch Ziel des Einzelhandels. So soll dem Fahrrad deutlich mehr Platz und Rechte gegeben werden. Weil bei einem Angebot, wie es für die Rü typisch und beliebt ist, die Erreichbarkeit mit allen Verkehrsträgern wichtig ist, sind Einschränkungen auf diesem Gebiet jedoch schädlich. Unnötige Belastungen jedes Verkehrsträgers sollten vermieden werden und statt dessen insbesondere die gewünschten Verkehrsträger gefördert werden. Dazu gehören insbesondere auch die Fußgänger, für die der Wegfall des Fahrradstreifens auf dem Bürgersteig eine große Entlastung wäre.

Jedem einen Platz geben ist fair, aber einzelne Verkehrsträger auszuschließen ist hier unangemessen, weil die gesamte Struktur der Rü und Rüttenscheids gefährdet würde. Noch dazu, wenn klar ist, dass ein nennenswertes Fahrradaufkommen nur bei günstigen Wetterverhältnissen zu erwarten ist.

Würde man die Rü sperren und damit für Fußgänger öffnen, käme der Raddurchgangsverkehr erstrecht nicht durch, weil noch mehr Fußgänger auf der Fahrbahn wären. Es stellt sich grundsätzlich - nur eben nicht in dieser Planung - die Frage nach der Eignung der Rü als Hauptverkehrsroute, da es zu viele unvermeidbare Behinderungen gibt. Alternativstrecken, wie die Alfredstraße oder die praktischeren Diagonal-Verbindungen der Ost-West-Trassen, wie Paulinenstraße oder Goethestraße-Haumannplatz, sind für den Schnellverkehr evtl. günstiger.

Es geht hier um gewachsene Strukturen in denen sich alle, auch die Radfahrer, arrangiert haben, die man nicht gefährden, sondern anpassen sollte. 

 
Diskussionsprozess

Neben der intensiven Berichterstattung in der Zeitung und unseren aktuellen Meldungen auf Rüttenscheid.de und Facebook/Rüttenscheid sowie den IGR-Mitgliederrundbrief gab es zunächst eine Ansprache der anliegenden Einzelhändler durch die IGR. Zu einer Informationsveranstaltung lud die IGR die Einzelhändler auf und an der Rü ein, um über die die Pläne zur verkehrlichen Änderung zu informieren und zu diskutieren. Ziel war die Überprüfung der gemeinsamen Position, wie sie von der IGR kommuniziert wird. Viele andere, wie Gastronomie, Ärzte und andere Dienstleister sind auch betroffen, aber Behörde und Politik gegenüber sollten zunächst mit den starken Argumenten des Einzelhandels begegnet werden.

Nach Diskussion stellte sich eine völlige Übereinstimmung der Positionen heraus, allerdings verbunden mit dem Bedauern über eine gelegentlich missverständliche Wahrnehmung nach außen.

Auch der Einzelhandel möchte dem Trend zu mehr Radverkehr begegnen und sieht die Notwendigkeit für alle Verkehrsträger gut erreichbar zu sein. Jede Alternative zum Auto sollte entwickelt werden, statt eines Gegeneinanders.

Dazu zählen auch die Fußgänger, die vom Wegfall des Fahrradstreifens auf dem Bürgersteig wesentlich profitieren würden, was daher besonders begrüßt wurde.

So kommt es, dass man die acht Maßnahmen zur Einrichtung einer Fahrradstraße grundsätzlich mitträgt, jedoch einhellig die Einrichtung von Modalsperren ablehnt, weil sie zusätzlichen Verkehr in den Nebenstraßen und auf der B224 erzeugt und die Erreichbarkeit der Geschäfte erheblich beeinträchtigt. Dem steht kein überzeugender Nutzeffekt gegenüber.

Der Diskussionsprozess wird jetzt mit anderen Gruppen fortgesetzt und auch eine Bürgerinformation durch die Behörde ist geplant.


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